José Eduardo Agualusa: Eine allgemeine Theorie des Vergessens

„Great literature, meanwhile, almost always works in the opposite direction. It allows us to see the humanity in others, even those foreign to us. Even those who seem like monsters to us.“

(José Eduardo Agualusa in seiner Dankesrede zur Verleihung des International Dublin Literary Award 2017)

Seit einigen Jahren zeichnet sich auf dem deutschen Buchmarkt eine Entwicklung ab, die von den etablierten Literaturen wegführt und den Blick öffnet für bisher unterrepräsentierte oder kaum entwickelte Literaturen. So gelangten verstärkt Erzählungen aus der Dritten Welt nach Europa, etwa Krimis aus Jamaika oder Haiti; ebenso Romane aus Afrika oder Lateinamerika. Sie alle lassen den Leser eintauchen in eine für ihn größtenteils unbekannte Welt, die sich ihm sonst nur aus Postkartenmotiven oder Reiseberichten erschließt.

Nicht selten dienen dabei reale Ereignisse als Basis für fiktive Geschehnisse, werden Momente der Historie greifbar und aus den Augen der Protagonisten erlebbar. So auch in dem neuesten Roman Eine allgemeine Theorie des Vergessens des angolanischen Autors José Eduardo Agualusa, der jetzt bei C.H. Beck erscheint.

Die Unabhängigkeit Angolas in den 1970er Jahren dient als Ausgangspunkt für die Geschichte um Ludovica, einer Frau, die vor der Außenwelt eine panische Angst hat und jeden Kontakt zu ihr meidet. Ihre Schwester Odete und deren Mann Orlando verlassen in den Unruhen der Revolution die Hauptstadt Luanda, Ludovica bleibt allein mit ihrem Hund Fantasma in der großen Wohnung im Haus der Beneideten in einem exklusiven Teil der Stadt. Als sie bei einem versuchten Einbruch einen der Täter erschießt, löst sie sich gänzlich von der Außenwelt und mauert sich selbst in ihre Wohnung ein. Von jetzt an ist sie auf sich allein gestellt, während draußen die Revolution tobt und die Welt sich rasant wandelt. Ludo richtet sich in ihrem Kosmos ein und wird von allen vergessen, so wie sie das Vergessen sucht. Ihre Gedanken schreibt sie mit Kohle an die Wände der Wohnung, nach und nach entsteht so ein Panorama ihrer Gedanken, Hoffnungen und Ängste. Erst nach fast dreißig Jahren und durch die Bekanntschaft mit dem Dieb Sabalu dringt die Wirklichkeit in Ludos Leben ein und zeigt ihr, dass trotz des Vergessens die Geschehnisse der Vergangenheit real bleiben.

Mit diesem Roman ist Agualusa ein Text geglückt, der von Sensibilität und Liebe zu den Charakteren gekennzeichnet ist. Die Ereignisse in dieser Geschichte zeigen die Komplexität des Lebens auf; sie zeigen, wie Unterdrücker und Unterdrückte eben nicht vergessen können, wie sie in ständiger Rache und dem Wunsch nach Vergeltung leben. Sie zeigen auch, wie zerbrechlich das eigene Leben sein kann und wie schnell und brutal sich das Schicksal plötzlich derer annimmt, die es am wenigsten erwarten.

Die Handlung erschöpft sich nicht an Ludovica allein, vielmehr bietet sie eine Vielzahl von Strängen und Figuren, die aber alle auf fast zauberhafte Weise miteinander in Verbindung stehen; so erlangt eine Taube beispielsweise für gleich mehrere Figuren enorme Bedeutung, so treffen Jäger und Gejagte vor der Wohnungstür Ludos plötzlich aufeinander, so ver- und entwirren sich Beziehungen und Handlungen zu einem großen Ganzen.

Nie wird versucht, für eine der Figuren auf besondere Weise Partei zu ergreifen. Stattdessen bleibt der Ton der Erzählung immer liebevoll, aber dokumentarisch. Es geht, ganz im Sinne Aristoteles‘ nicht darum, zu zeigen was geschehen ist, sondern was geschehen könnte. Dem Leser obliegt es, sein eigenes Urteil zu fällen.

Agualusa wurde für diesen Text mit dem International Dublin Literary Award ausgezeichnet. In der Begründung der Jury heißt es: „No one is truly alone in José Eduardo Agualusa’s Luanda beehive, and his characters make us, too, feel deeply connected to the world.“ Das Ausgrenzen, verbunden mit der Angst vor dem Fremden, ist ein starkes Motiv in Eine allgemeine Theorie des Vergessens. Gleichzeitig aber zeigt der Text einen Gegenentwurf auf, der seinen Ursprung in der Liebe hat: wenn sich unterschiedliche Charaktere zu einer Einheit verbinden, wenn ein ehemaliger Henker zum Fürsprecher einer unterdrückten Ethnie wird, wenn ein Selfmade-Millionär sein Geld zum Wohle der Armen einsetzt; dann dringt diese Liebe aus dem Text heraus in das Herz des Lesers.

Angolas Literatur ist in der westlichen Welt kaum bekannt. Mit einem Autor wie Agualusa aber besitzt sie einen wichtigen Vertreter, der mit diesem wunderbaren Werk die Geschichte seines Landes präsentiert und gleichzeitig einen Weg aufzeigt, die Zukunft nicht nur Afrikas produktiv und sinnvoll zu gestalten.

(Eine allgemeine Theorie des Vergessens erscheint am 21. Juli bei C.H. Beck, 19,95 €)

Weitere Rezensionen zu diesem Buch findet ihr bei LiteraturReich und Feiner reiner Buchstoff.

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2 Kommentare zu „José Eduardo Agualusa: Eine allgemeine Theorie des Vergessens

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  1. Eine in sich geschlossene gut recherchierte Reszension. Man merkt, dass das Buch Dir am Herzen liegt.
    Aber Deine Eingangssätze finde ich steil. Es kam mir beim Lesen vor, als würdest Du Ländern eine „kaum entwickelte Literatur“ attestieren, nur weil Werke aus ihnen in Deutschland bisher kaum erschienen sind. Oder was hast Du Dir vielleicht noch mehr dazu gedacht, was für mich jetzt letztendlich im Text nicht mehr raua kam?

    Gefällt 1 Person

    1. Hallo Andrea,
      vielen Dank für Deinen Kommentar. Du hast natürlich recht, die Sätze klingen vielleicht etwas zu hart. Es liegt mir fern, irgendeine Hierarchie der Literaturen zu proklamieren oder eine Literatur qualitativ höher oder niedriger zu bewerten als eine andere. Ich meinte „entwickelt“ in einem quantitativen Kontext. Mir geht es darum, dass Texte wie dieser in einer kürzeren Tradition von Literatur stehen, verglichen mit deutschen, amerikanischen oder englischen Texten (nur als Beispiel, die Liste lässt sich natürlich noch erweitern). Daneben ist auch zu bemerken, dass in Bezug auf Literatur bspw. der Dritten Welt häufig Werke von lediglich einer Handvoll Autoren in etablierteren Buchmärkten platziert werden, was absolut schade ist. Insofern verstehe ich „entwickelt“ wie gesagt quantitativ und damit keineswegs wertend.

      Gefällt mir

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