Torsten Seifert: Wer ist B. Traven?

Schon mehrfach habe ich in meinen letzten Beiträgen auf den BlogBuster aufmerksam gemacht; initiiert von Tobias Nazemi (Buchrevier.com), wurde mit Unterstützung von ausgewählten Bloggern und in Zusammenarbeit mit dem Klett-Cotta Verlag das beste von Hobbyschriftstellern eingereichte Manuskript gesucht. Dem Sieger dieses Wettbewerbs, der im vergangenen Jahr seine Erstauflage erfuhr, winkte ein Vertrag mit Klett-Cotta und die Herausgabe des Textes in Buchform. Gewonnen hat der in Görlitz geborene und heute in Potsdam lebende PR-Manager und freie Texter Torsten Seifert mit dem Roman Wer ist B. Traven?, der seinen Text im Rahmen der Frankfurter Buchmesse vorstellen durfte.

Ein Buch, das einen Preis gewinnt und noch dazu von einem renommierten Haus verlegt wird, zieht ganz automatisch das Interesse der Öffentlichkeit auf sich. Mit einer Auszeichnung gehen auch immer Erwartungen und gewisse feste Vorstellungen an den Text einher: Fesselnd, eloquent und sicher im Stil muss er sein. Dazu noch den Inhalt glaubwürdig und ansprechend vermitteln und ein möglichst großes Publikum anziehen. Denn immerhin hat es so fachkundige Kritiker wie Denis Scheck, den Verleger Tom Kraushaar, die Literaturagentin Elisabeth Ruge und eben Nazemi selbst, allesamt in der Jury des BlogBuster vertreten, überzeugt.

Ich möchte bereits hier anmerken, dass nach meiner bescheidenen Meinung die angesprochenen Charakteristika eines Preisträgers nur teilweise auf Wer ist B. Traven? zutreffen. Doch ich möchte mit den positiven Eindrücken beginnen:

Ganz besonders gefreut hat mich die Wahl des Themas. B. Travens Werke sind auch fester Bestandteil meiner Bibliothek, und auch wenn ich noch nicht alle Texte gelesen habe, so haben mich doch die bisherigen Zeugnisse seines Schaffens mehr als überzeugt. Im Mittelpunkt stehen stets die Proletarier, die kleinen und entrechteten, nicht selten in Sklaverei und Tyrannei lebenden Menschen. Traven gibt ihnen eine Stimme, er führt dem Leser das grausame Schicksal seiner Helden vor Augen und übt damit gleichzeitig harsche Kritik an den bestehenden Verhältnissen seiner Zeit. Mit seiner brutalen, aber ehrlichen und authentischen Art hat Traven gewaltige Auflagen erzielt, Bücher wie Das Totenschiff oder Die Rebellion der Gehenkten wurden zu Klassikern der Weltliteratur. Und dass, obwohl die eigentliche Identität des Autors nie vollends aufgeklärt wurde. Die Person hinter den Büchern blieb stets hinter einer Mauer aus wilden Spekulationen, Gerüchten, falsch gelegten Spuren und angeblichen Enthüllungen verborgen. Die Suche nach B. Traven ähnelt mehr einer klassischen Detektivgeschichte, als einem Forschungsfeld ernsthafter Wissenschaftler.

Und diesen Punkt merkt man Wer ist B. Traven? an: Die Geschichte lebt und atmet die Zeit, in der sie spielt: Ende der 1940er Jahre, als die Helden der Zeit noch Humphrey Bogart und John Huston hießen, als es noch Agenten, harte Typen und neugierige Schreiberlinge gab, als es noch unberührte Flecken Erde zu entdecken und Grenzen zu überschreiten gab, wird der Journalist Leon mit der Aufgabe betreut, die Identität hinter dem Pseudonym B. Traven zu entlarven. Dazu wird er an das Filmset von Der Schatz der Sierra Madre geschickt, einem Film basierend auf dem letzten Roman des Autors. In Mexiko, wo sich die Filmcrew aufhält, trifft Leon auf Bogart, auf Huston, auf die geheimnis- und reizvolle Marίa, auf Gangster, korrupte Gewerkschaftsbosse, auf das totale Chaos und auf ein Land, dass ihm schlichtweg den Atem raubt.

Nach der Figurencharakterisierung in der Geschichte zu urteilen, und ausgehend von der Handlung ist es sicher nicht zu vermessen, den Autor von Wer ist B. Traven? als großen Fan dieser Zeit und ihrer schillernden Personen zu beschreiben. Mit einer großen Sorgfalt und mit ebenso großem Respekt vor dem Sujet entspannt sich das Geschehen in vielerlei Etappen in eine Mischung aus Abenteuer-, Krimi-, Agenten- und Liebesgeschichte. Oftmals landen die Ermittlungen Leons in einer Sackgasse, mehr als einmal muss er sich aus lebensbedrohlichen Situationen retten, dabei das Ziel zwar immer fest vor Augen, jedoch immer in Gefahr, zwischen seiner eigentlichen Mission und einer wachsenden Obsession zerrieben zu werden. Dazu gefangen in einem Land, in dem nichts vorhersagbar, nichts endgültig scheint und wo die Menschen jedem Fremden grundsätzlich mit Argwohn und Schweigen begegnen.

Humphrey_Bogart_in_The_Treasure_of_the_Sierra_Madre_trailer
Die Verfilmung von „Der Schatz der Sierra Madre“ mit Humphrey Bogart in einer Hauptrolle gehört heute zu den Klassikern des Kinos.

Es ist Seiferts Verdienst, dass er aus dieser Mischung einen Stoff bereitet, der von der ersten bis zur letzten Seite Spannung aufbaut. Denn schließlich will der Leser wissen, ob Leon bei der Suche nach B. Traven an sein Ziel gelangt. Und wenn ja, wie sich die Dinge dann für ihn weiterentwickeln. Oder wird er eines der vielen Opfer, die die Suche nach dem Schriftsteller bereits gefordert hat? Denn es scheint ein Fluch über diesem Phantom zu liegen, der jeden befällt, der der Wahrheit zu intensiv nachspürt.

Als einen Punkt, der mich leider am Buch gestört hat, muss ich den schwachen Schreibstil benennen. Dieser äußert sich durch eine extensive, beinahe penetrante Einbettung von Rechercheergebnissen und durch einige sehr vorhersehbare Wendungen, die dem Text etwas von seiner Kraft nehmen. Es ist zu vernachlässigen, wie viele Meter in einer brenzligen Situation genau zwischen dem Protagonisten und einer rettenden Tür liegen. Es ist ebenso nicht notwendig, neue Orte, Figuren oder Geschehnisse in Nebensätzen bis in kleinste Detail zu erklären, auch wenn dies vielleicht der Authentizität der Geschichte guttut. Aber als Leser möchte ich in meine eigene Welt eintauchen, in der Mexiko oder ein anderer Ort nicht realistisch, sondern phantastisch abgebildet wird; in der die Dinge im Unklaren bleiben und meine eigene Fantasie angeregt wird. Der Erzähler nimmt den Leser jedoch für meinen Geschmack zu oft an die Hand und verfällt in einen referierenden, alle Imagination erdrückenden Ton.

Ungeachtet dessen handelt es sich bei Wer ist B. Traven? um ein Buch, dem man die Liebe zum Stoff und die Begeisterung für die Zeit, in der die Handlung angesiedelt ist, deutlich anmerkt. Ob dieses Buch nun ein würdiger Preisträger für den ersten BlogBuster ist, kann ich nicht entscheiden, da ich die anderen Texte nicht kenne. Auch will ich Torsten Seifert den gewonnenen Preis keineswegs absprechen. Doch muss abschließend die Bemerkung erlaubt sein, dass Auszeichnungen für literarische Werke auch dafür sorgen können, dass die Erwartungshaltung des Lesers stark ansteigt, und er sich an der einen oder anderen Stelle möglicherweise enttäuscht sieht.

Advertisements

2 Kommentare zu „Torsten Seifert: Wer ist B. Traven?

Gib deinen ab

  1. „Der Erzähler nimmt den Leser jedoch für meinen Geschmack zu oft an die Hand und verfällt in einen referierenden, alle Imagination erdrückenden Ton.“ – Das ist etwas, was mir in Geschichten auch oft sauer aufstößt: Wenn der Autor/die Autorin gewaltsam versucht, alle Rechercheergebnisse unterzubringen, ob sie die Geschichte nun weiterbringen oder nicht! Den Roman habe ich noch nicht gelesen & bin auch noch nicht so sicher, ob man ihn gelesen haben „muss“…

    Gefällt 1 Person

    1. Hallo Julia!
      Erst einmal Danke für deinen Kommentar. Der Roman ist sicher kein „Muss“, hat mich aber im Kontext des BlogBuster einfach interessiert. Und für den ersten Punkt gilt für mich: fiktive Handlungen vor realen Hintergründen sind zwar ein Pfeiler der Gestaltung von Geschichten, aber je mehr Platz für die eigene Phantasie gelassen wird, umso besser. Ich habe zum Beispiel Umberto Ecos „Im Namen der Rose“ irgendwann aufgegeben, weil dort auf wirklich extreme Art mit akademischem Wissen um sich geworfen wird, dass es den Lesefluss schlichtweg behindert. Der Grat ist hier insgesamt sicher sehr schmal. Grüße, Justus

      Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

Erstellt mit WordPress.com.

Nach oben ↑

Die Literatouristin

Auf einer Reise durch die Seiten

Lesen... in vollen Zügen

Mein kleiner feiner Buch-Blog

BuchUhu

Andreas Steppans Leseblog

Read Ost

Der Blog für osteuropäische Literatur und Kultur

Perspektiven und Blickwinkel

Zwischen Sofa, Universität und Literatur.

Feiner reiner Buchstoff

von den üblichen Verdächtigen

LiteraturReich

Ein Literaturblog

Studierenichtdeinleben

Mit dem Bücherschiff auf großer Fahrt

We read Indie

Literatur aus unabhängigen Verlagen

Buzzaldrins Bücher

Auf Buzzaldrins Bücher finden sich Interviews und Rezensionen, Lesungsberichte und ab und an auch mal ein Hundebild.

SteglitzMind

Steglitz meint ...

Lesen macht glücklich

(zu Risiken und Nebenwirkungen fragen sie beim Buchhändler ihres Vertrauens)

Feels like Erfurt

Ein Blog für Literatur, Tagesgeschehen und Persönliches

Kapri-zioes

Weil Lesen fetzt!

SATZZENTRALE GbR

Kathrin Brömse & Simone Tavenrath

%d Bloggern gefällt das: