Olivier Adam: Die Summe aller Möglichkeiten

Es ist eigentlich nicht meine Art, bei einer Buchbesprechung mit der Tür ins Haus zu fallen, doch bei Olivier Adams neuem Roman Die Summe aller Möglichkeiten möchte ich dieses Prinzip über den Haufen werfen. Denn selten ist mir eine Geschichte begegnet, die so intensiv, so überzeugend, so gänzlich anders ist und mich als Leser so in ihren Bann zieht, wie diese. Es ist nicht leicht, analytische Anknüpfungspunkte auszumachen, um diesen Roman des französischen Erfolgsautors (u.a. Keine Sorge, mir geht’s gut, 2008) zu beschreiben, da sowohl Handlung, Figurencharakterisierung als auch Sprache eine enorme Komplexität aufweisen.

Gleichzeitig vermittelt die Geschichte, die in einem kleinen Ort irgendwo zwischen Nizza und Cannes an der französischen Mittelmeerküste angesiedelt ist, eine tiefe Verletzlichkeit, Fragilität und innere Spannung, die die Figuren aus ihrer Fiktionalität heraushebt und zu authentischen und gleichsam fühlbaren Personen werden lässt. Adams Verdienst liegt darin, dass er durch viele Perspektivwechsel (jedes Kapitel ist einer anderen Figur gewidmet) eine Fülle an Eigenschaften, Diversitäten und Besonderheiten der Einwohner dies kleinen Küstenstädtchens hervorhebt und sie damit zu Gefährten bei der Lektüre werden lässt.

Adams Augenmerk liegt zu einem großen Teil auf den sozial Schwachen, den Bedürftigen; eben jenen Menschen, die die allergrößten Schwierigkeiten im normalen Alltag bewältigen müssen und dabei die Grenzen des Erlaubten hin und wieder überschreiten. Ein Menschenschlag, der zwar Hilfe benötigt, sich jedoch von Staat und Gesellschaft abgrenzt, von denen er am wenigsten Unterstützung erwartet:

„Diejenigen, die es nötig haben, beschützt zu werden, sind genau die, die am stärksten denjenigen misstrauen, die ebendas tun. Polizisten, Sozialarbeiter. Ärzte. Krankenhäuser. Arbeitsagentur. Politiker. Regierung. Europa.“

Aktuelles wird mit Historischem verknüpft, während die Zukunft nichts als ein großes Fragezeichen aufweist. Es sind die Rückblicke, die den Mittelpunkt der jeweiligen Kapitel ausmachen, die gekennzeichnet sind von Brüchen, Verletzungen, dem Abweichen von der Norm, vom rechten Pfad. Und den Folgen, die zu tragen allerdings nur die wenigsten bereit sind. Schuldzuweisungen, Eskapismus und Egoismus bilden einen wichtigen Pfeiler in dieser Geschichte, der eigene Vorteil ist meist wichtiger als die Hinwendung zu den Bedürftigen. So entsteht ein Bild einer Gesellschaft, die zwar auf vielfältige Art und Weise miteinander verbunden ist, sich aber dennoch meist fremd bleibt und dem Anderen, dem Fremden häufig feindselig gegenübersteht.

„Aber in diesem haben sie vor allem Angst, vor allem, was ihnen zustoßen könnte, obwohl nie irgendwas passiert. Er weiß nicht, warum sie sich immer vorstellen, die Welt wäre voller Gefahren und sie würden an jeder Straßenecke überfallen. Wo haben sie diesen Blödsinn bloß her? Sicher aus dem Fernsehen, denn die meiste Zeit verbringen sie vor der Glotze. Von dort haben sie ihre Sicht der Welt, und sie kommen nicht auf den Gedanken, sich zu fragen, ob man ihnen nicht manchmal den größten Blödsinn erzählt […].“

Anhand eindringlicher Beschreibungen von Seelenzuständen seiner Protagonisten macht Adam das Alltägliche zu etwas Besonderem, hebt er den Gang des Lebens mit seinen Momenten, Erinnerungen, Erfolgen, Unglücken und Veränderungen hervor: das Ehepaar, das gemeinsam in einen Sturm zieht, um nicht das langsame, aber unaufhaltsame Ende durch Krankheit und Siechtum hinnehmen zu müssen; die junge Mutter, deren Partner wegen einer Dummheit aus der Stadt verschwindet und sie mit dem unentwegt schreienden Kind allein lässt; der Fußball-Star, der sein Talent verschleudert und stattdessen lieber das Erwachsenwerden bis über die Grenze des Erträglichen hinauszögert; der Polizeichef, dessen Belastbarkeit ebenso gering ausgeprägt ist wie sein Selbstbewusstsein.

Diese Beispiele sind nur einige von vielen, die sich in Die Summe aller Möglichkeiten tummeln.

Jedes dieser Schicksale ist verbunden mit der Suche nach dem eigenen kleinen Glück, mit dem Bemühen, mal aus dem tristen Alltag auszubrechen, mal sich in ihm zu verkriechen oder vergebenen Chancen und Möglichkeiten nachzujagen. Dabei werden die wenigsten Geschichten bis zum Ende erzählt; häufig richtet sich der Fokus auf eine Figur, nur um sie sehr bald darauf wieder zu verlassen, ohne jedoch das Ende ihres Weges aufzuzeigen. Ähnlich einem Beobachter, der am Rand einer Klippe durch ein Fernglas auf interessante Punkte in der Ferne blickt, wechselt der Erzähler die Perspektive, gibt den Blick frei auf ein kleines Stück Persönlichkeit, um gleich im nächsten Moment die nächste Figur ins Auge zu fassen.

Der Roman ist reich an Dynamik, an Nähe zu den Protagonisten, an Glaubwürdigkeit. Auch wenn der Erzähler hin und wieder zu langen Betrachtungen über diesen Ort und den Menschen in ihm ausholt, ist dieser Roman doch eine unbedingte Empfehlung wert.

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