David Wagner: Romania

Rumänische Literatur hat es, wie viele post-sowjetische Literaturen inzwischen auch, zu Aufmerksamkeit und Ansehen auf dem internationalen Tableau gebracht. Aktueller Höhepunkt dieser Entwicklung ist die Ehre des Gastlandes auf der Leipziger Buchmesse 2018. Das Interesse an Autoren aus dem Südosten Europas ist groß; Wie sich zeigt, erfährt auch Literatur über Rumänien dieser Tage eine kleine Renaissance.

Beispiel hierfür ist das im Verbrecher-Verlag (Berlin) erschienene Buch „Romania“ des Berliner Autors David Wagner. In dem schmalen, nicht mehr als 140 Seiten zählenden Band sammelt Wagner im Stile eines Flaneurs Eindrücke, Bilder und Geschichten aus Bukarest, dass er vor fast 20 Jahren für einige Wochen besuchte.

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Die junge Bevölkerung will das Erbe des Kommunismus überwinden und drängt mit aller Macht nach Europa. Foto: pixabay/CalinFdp

Es ist 2002; das Millennium hat eben erst begonnen, Deutschland hat den Euro eingeführt und Ceauşescu ist seit zwölf Jahren tot. In dieser Zeit führt ein kulturelles Austauschprogramm den Ich-Erzähler in die rumänische Hauptstadt Bukarest. Hier, so glaubt er, wird er die Dämonen los, die in Berlin auf ihn warten; hier wird er an seinem Roman arbeiten und alles andere vergessen. Doch statt sich in die Arbeit zu vertiefen, flaniert er lieber durch die Metropole, trifft sich mit Simona, einer Autorin, ihren Freunden und Bekannten und überlässt sein Tagesgeschäft dem Zufall. Der müde und antriebslose Autor bringt mehr Zeit vor dem Fernseher und in Fastfood-Restaurants zu als am Schreibtisch, während um ihn herum das künstlerische Leben pulsiert:

„Simona spricht viel über das Schreiben und über Festivals, auf denen sie eingeladen war. Ich weiß nicht, warum, aber ich möchte nicht, ja, ich glaube, ich kann gar nicht so viel über das Schreiben reden. Warum? Weil ich es im Grunde doch für eine sehr private Angelegenheit halte? Und es vielleicht gar nicht so wichtig nehme?“ (S. 19)

Er ist in einer Krise; einer Krise, die sein Leben, sein Arbeiten, seine Einstellung zur Arbeit bestimmt. Dokumentiert durch das Schreiben. Schriftstellerei als Therapie; auch hier gelangt dieses Klischee wieder zur Gültigkeit. Und so treibt der Erzähler auf der Oberfläche einer Melancholie, die ihn über die Stationen seines Lebens ins Jetzt bringt, in eine Gegenwart voll langer Spaziergänge, exzessivem fernsehen und schreiben:

„Gestern Abend lange komische Gedanken. Komme mit dem Betonroman nicht voran. Weiß nicht mehr, warum ich dieses Buch schreiben soll. Wäre alles so ausgedacht.“ (S. 29)

Literatur wird hier nicht als Arbeitsprozess gedacht, nicht als Folge von Idee, Konzept, Recherche und Niederschrift. Nicht als Notwendigkeit zur Bezahlung von Rechnungen oder als Tätigkeit zum Broterwerb. Intuition und das Festhalten von situativem Geschehen wird einem Utilitarismus vorangestellt. Die Unfähigkeit des Erzählers, Prioritäten zu setzen, ist erst die Geburtsstunde dieses Buches, dass paradoxerweise aus dem Nicht-Schreiben erwächst. So kommt es, dass sich die Blätter des Notizblocks füllen, während die Seiten des Romans leer bleiben.

„Romania“ ist eine Geschichte aus sich selbst heraus, eine Notiz über einen Aufenthalt in einer fremden Stadt, einer fremden Welt, in der die Rationalität des Gewohnten schon mal aus den Fugen gerät:

„Ist heute nichts passiert? Bin ich nicht aufgestanden? Nicht aus dem Haus gegangen. Habe ich nichts unternommen, niemanden gesehen? Habe ich nichts gegessen, war ich nicht draußen? Unterwegs? Irgendwas wird schon gewesen sein, leider weiß ich nicht mehr was. Er ist einfach weg, dieser Tag. Wohin?“ (S. 88)

Ceauşescus ist tot, sein Erbe omnipräsent. Die Jahre der Diktatur liegen wie ein bleierner Mantel über Rumänien, seinen Menschen, dem Alltag. In immer gleichen Schleifen laufen die Tage ab, auf den Espresso am Morgen (gekauft im Kiosk am Hauseingang) folgen Treffen mit Simona, Spaziergänge, Stunden im Internetcafé. Und schließlich abends Fußball. Die Zeit scheint sich nicht zu bewegen, jede Vitalität wird durch die Geschichte des Ortes und seiner Bewohner konterkariert.

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Rumänien gilt als eines der ärmeren Länder Europas. Der Umbruch der Gesellschaft bedeutet auch hier eine große Herausforderung. Foto: pixabay/MihaiParaschiv

Wie eine Antithese zu dieser Unfasslichkeit steht der Parlamentspalast, früher „Haus des Volkes“ [Casa Poprului]. Exempel für die Megalomanie einer Herrschaftsklasse, die den Bezug zum Volk schon lange verloren hatte, bevor der Bau dieses Gebäudes überhaupt begann. Doch während nach dem Ende des Kommunismus die Berliner Mauer abgerissen oder andere Insigne der Diktatur des Proletariats beseitigt wurden, hat dieses Bauwerk den Sturm der 1990er Jahre überstanden. Und so ragt er weithin sichtbar über die Stadt, ist ihr deutlichstes Monument, ihr Wahrzeichen. Vom Arbeitstisch des Erzählers aus ist er zu sehen, zwischen den Häuserfluchten sticht er hervor und hält das Leben der Rumänen in einem Zustand der Schwebe zwischen Historie und Moderne.

Es scheint, als müssten sich die Bewohner der Stadt die Situation vergegenwärtigen, dass ihr Land und damit ihr Leben sich in einem Transformationsprozess befindet, dessen Ergebnis niemand vorhersehen kann:

„Rumänen reden so viel über Rumänien. Oder über andere Rumänen. Oder über irgendetwas Rumänisches. Sie tun es nicht nur, um einem Ausländer wie mir ihr Land näherzubringen, sie tun es auch für sich und unter sich, oft und immer wieder, es wirkt als müssten sie sich immerzu ihres Rumäniens versichern, es im Reden erhalten, ja, als entstünde ihr Rumänien überhaupt erst im Reden über Rumänien, als hätten sie Angst, Rumänien könnte verschwinden, wenn sie nicht mehr über Rumänien reden.“ (S. 118)

David Wagner öffnet mit „Romania“ den Blick auf eine Zeit, die aus Sicht der Millennials den selben unwirklichen Charakter hat wie Erzählungen über die Zeit der Wende für die Generation der 1990er Jahre. Das (bis vor kurzem) unaufhaltsam scheinende Wachstum der Europäischen Union hat auch an der Peripherie nicht halt gemacht und Rumänien dem Staatenbund zugeführt. Am Scheidepunkt des Postkommunismus sehen sich das Land und seine Menschen mit dem schwierigen Erbe der Diktatur und dem verheißungsvollen, aber noch schwieriger zu erlangenden Wohlstand der kapitalistischen Ordnung gegenüber.

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