Vom Wahn der Rassen

Dreißig Jahre ist es her, dass 5 Jugendliche, eigentlich noch Kinder, in den USA für eine Tat bestraft wurden, die sie nach eindeutiger Beweislage nicht verübt hatten. Jetzt hat Netflix diesem Skandal um die „Central Park Five“ eine vierteilige Serie gewidmet.

Yusef Salaam, Korey Wise, Raymond Santana Jr., Kevin Richardson und Antron McCray hießen die Jungen im Alter von 14 bis 16 Jahren, die im April 1989 von der Polizei festgenommen wurden. Der Vorwurf lautete Vergewaltigung. Zuvor waren die fünf, die sich untereinander nicht kannten, in einer größeren Gruppe von Gleichaltrigen abends im New Yorker Central Park unterwegs gewesen, hatten sich herumgetrieben, Blödsinn gemacht und ihrer jugendlichen Energie freien Lauf gelassen. Mehrere Hinweise auf Übergriffe auf Fahrradfahrer und andere Besucher des Parks an diesem Abend gingen bei der Polizei ein. Als schließlich bekannt wurde, dass eine junge Joggerin, Trisha Meili, schwer verwundet und vergewaltigt, aufgefunden wurde, war für die New Yorker Polizei der Fall klar.

Ermittlerin Linda Fairstein (in der Serie verkörpert von Felicity Huffman) bringt trotz mangelnder Beweise und nur aufgrund einer offenkundig rassistisch motivierten Konklusion die Präsenz der Jugendlichen und den brutalen Überfall auf die Joggerin in Verbindung. Für Fairstein kommen nur die aus Harlem stammenden jungen Männer als Täter infrage, entsprechende Geständnisse werden in der Folge bei grober Missachtung aller polizeilichen Ermittlungsgrundregeln aus den Jungen herausgepresst: So werden alle Verdächtigen ohne Beisein eines Anwalts befragt, die Verhöre dauerten zudem Stunden und wurden ohne Pausen durchgeführt. All dies führte dazu, dass der New Yorker Polizei schließlich fünf Geständnisse vorlagen, die allesamt jeglicher stichhaltiger Beweislage entbehrten. Selbst ein negativ ausgefallener DNA-Befund, der keinem der Verdächtigen zugeordnet werden konnte, überzeugte die Jury nicht. So kam es zu Urteilen von Freiheitsstrafen zwischen 6 und 14 Jahren für die 5 jungen Männer, die fortan als „Central Park Five“ in die US-amerikanische Kriminalgeschichte eingehen sollten.

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Die „Central Park Five“ mit den Seriendarstellern bei der Präsentation in New York“ (Foto: Yusef Salaam_Twitter)

Die Serie, die auf 4 Teile ausgelegt ist, zeigt auf erschütternde und empathische Weise, wie das Leben der Jungen von einem auf den anderen Moment völlig außer Kontrolle geriet. Wie der Bruch, den der Aufenthalt in einem Gefängnis und eine Vorstrafe im Lebenslauf mit sich bringt, nie wieder zu kitten ist. Und wie lediglich aufgrund rassistischer Motive Unschuldige zu Tätern gemacht werden, um vonseiten der Polizei Handlungsfähigkeit zu signalisieren. Auch für die Familien, die mehrheitlich aus einfachen Verhältnissen stammen, ist die Verurteilung der Söhne ein schwerer Schlag.

Die erst seit kurzem beim Streaming-Dienst Netflix abrufbare Serie „When they see us“ hat in den USA die Wunden dieses Falles wieder aufgerissen. Fairstein und auch Staatsanwälting Elizabeth Lederer, die den Fall damals vor Gericht gebracht hatte, wurden durch den öffentlichen Druck mittlerweile zum Rückzug von allen Ämtern gezwungen. Auch Präsident Donald Trump bekommt in der Serie sein Fett weg, war er es doch, der vor dem Hintergrund des Falls in mehreren Tageszeitungen ganzseitige Anzeigen schalten ließ, um für die Wiedereinführung der Todesstrafe zu werben. Sicher kein Zufall, dass der derzeitige Präsident der Vereinigten Staaten und seine vorverurteilende Haltung in der Serie zur Sprache kommen. Es gibt eben aktuell kein Thema, bei dem Trump nicht mitspielt.

Genutzt haben die Anzeigen indes wenig: Im Jahr 2002 hat mit Matias Reyes ein mehrfach wegen Vergewaltigung verurteilter Täter die Vergewaltigung an Trisha Meili gestanden. Daraufhin wurden die „Central Park Five“ öffentlich rehabilitiert und erhielten vom Staat New York eine Abfindung in Millionenhöhe.

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Die „Central Park Five“ zusammen mit Talk-Masterin Oprah Winfrey (Foto: Yusef Salaam_Twitter)

Das Leben jedes Einzelnen der Verurteilten ist trotz des Beweises ihrer Unschuld und der Anerkennung durch die Institutionen für immer verpfuscht. Als außenstehender Beobachter lassen sich die seelischen Qualen kaum ermessen, die die jungen Männer in der Zeit ihrer Haft zu erleiden hatten. Sie waren selbst Opfer des Falles und des Systems, das lieber irgendwelche Täter präsentieren wollte, als den richtigen zu fangen. „When they see us“ ist ein bemerkenswertes Beispiel für die Vielschichtigkeit der amerikanischen Gesellschaft, in der auch Jahrzehnte nach den Protesten der dunkelhäutigen Bevölkerung und ihres Kampfes um Gleichberechtigung die rassischen Grenzen in den Köpfen der Menschen streng gezogen werden.

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